Moderne Märchen

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Moderne Märchen

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Märchen sind nicht nur eine Art Geschichten aus einer alten Zeit: Auch heute werden noch Märchen erzählt! Sie können ganz unterschiedlich sein. Manche klingen wie alte Märchen, andere ganz modern.

Material für Lehrkräfte

Video: „Das Mädchen mit dem Rohr im Ohr und der Junge mit dem Löffel im Hals“ von Volker Strübing

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Der Zaubermantel

von Ruth Frobeen

1 Es lebte einst ein Krämer mit seinem Sohn in einer kleinen2 Stadt. Da der Krämer ein Spieler war und neben seiner3 Frau auch alles Geld verloren hatte, lebten sie in ärmlichen4 Verhältnissen. Doch der Krämer war trotz seiner Armut5 ein angesehener Mann, denn er war klug und wusste auf6 alles eine Antwort. Sein Sohn, der kluge Hans, wuchs7 zu einem jungen Mann heran und lernte von seinem Vater,8 wie man mit den Menschen sprach. 9 Als Hans bei einem Schneider in die Lehre ging, gab10 sein Vater ihm zum Abschied einen alten Mantel, der11 hatte goldene Knöpfe, und er sprach zu seinem Sohn:12 „Dieser Mantel wird dir Reichtum bescheren.“ Hans dankte13 dem Vater, zog den Mantel an und ging beim Schneider14 in die Lehre. 15 Es zeigte sich rasch, dass er ein guter und fleißiger16 Lehrling war, den alle Welt mochte. Auch war an ihm17 kein Schelm verloren gegangen, und so brachte er den18 Schneider zum Lachen, wann immer er es für richtig hielt.19 Kurz: Der kluge Hans war ein beliebter junger Mann und20 seine freundliche und kluge Art sprach sich schnell21 herum. So war es nicht verwunderlich, dass er überall22 auf gastfreundliche Menschen traf, als er als Schneider23 durchs Land zog und sich mal hier mal dort verdingte.24 Er wohnte bei armen Bauern ebenso wie bei reichen Kaufmännern25 und nähte ihnen als Dank für die Gastfreundschaft Röcke26 aus Leinen und aus Samt. Nach einigen Jahren des Umherziehens27 kam der kluge Hans in eine große Stadt, in der ein junger28 König mit seiner Frau und seinen drei Töchtern lebte.29 Der König hatte von dem klugen Schneider mit dem Zaubermantel30 wohl gehört, und so sandte er einen Boten, den jungen31 Schneider zu ihm zu führen. Hans trat also vor den König32 und verbeugte sich tief. Der König hieß ihn gerade stehen33 und sagte mit donnernder Stimme: „Man sagt, er habe34 einen kostbaren Mantel.“ Der kluge Hans zog seinen Mantel35 aus und gab ihn dem König, der ihn lange befühlte. Dann36 lächelte der König, gab ihm den Mantel zurück und nahm37 Hans als Hofschneider in seine Dienste. Hans war zufrieden38 und ging gleich ans Werk. Er nahm bei der Königsfamilie39 Maß, schnitt Stoff und nähte Kleider und Röcke, Mäntel40 und Roben. Der König, der viel für schöne Kleidung übrig41 hatte und die Klugheit des Schneiders schätzte, verbrachte42 viele Stunden mit seinem Hofschneider, und schon bald43 war Hans ein enger Vertrauter es Königs und beriet ihn44 in wichtigen Staatsangelegenheiten. 45 Über die Jahre bekamen der König und der Schneider46 weiße Haare, und als der König in hohem Alter ins Grab47 getragen wurde, weinte Hans, denn er hatte seinen besten48 Freund verloren. Kurze Zeit später starb auch Hans.49 Sein Hab und Gut, das er in seinen vielen Jahren am50 Hof angesammelt hatte, wurde in eine Kammer geschlossen. 51 Da die Frau des Königs keinen Sohn geboren hatte,52 saß nun seine älteste Tochter auf dem Thron und regierte.53 Sie war eine Königin von großer Schönheit und Strenge54 und nahm einen jungen Kaufmann als Schatzmeister in55 ihren Dienst, weil er gut rechnen konnte und stets den56 Vorteil eines Geschäftes nutzte. Der junge Mann war57 tief beeindruckt von der Königin und wollte um keinen58 Preis in Ungunst fallen. So rechnete er Tag und Nacht,59 zählte das Geld und vermehrte den Reichtum des Königshauses.60 Der Königin gefiel dies, und so stieg sein Ansehen am61 Hofe. 62 Eines Tages belauschte der Schatzmeister ein Gespräch63 zwischen zwei Hofdamen, die sich über den alten König64 und den Schneider unterhielten. „Der Mantel soll in65 einer Kammer eingeschlossen sein“, sagte die eine, und66 die andere sprach: „Der Mantel hat dem Schneider wahrlich67 reich gemacht.“ Der Schatzmeister horchte auf und machte68 sich dann auf die Suche nach dem Mantel, den er für69 einen Zaubermantel hielt. Schon bald hatte er die Kammer70 gefunden, und da er der Schatzmeister war, wunderte71 sich niemand, dass er nach dem Schlüssel verlangte.72 Der Mantel mit den goldenen Knöpfen lag mit anderen73 Kleidungsstücken in einer Truhe, und als der Schatzmeister74 ihn anzog, wähnte er sich bereits ein reicher Mann. 75 Tags darauf schlich er mit hochgeschlagenem Kragen76 in die Stadt, um die Wirkung des Mantels zu testen.77 Zuerst ging er in ein Wirtshaus, setzte sich in eine78 dunkle Ecke und trank ein Bier. Der Wirt, als er sah,79 dass sein Gast der Schatzmeister war, ließ ein Fass80 Wein bringen und schenkte es ihm, denn die Geschäfte81 liefen schlecht und er hoffte auf die Gunst des Hofes.82 Der Schatzmeister dankte und ging weiter. Er kam zu83 einem Schuhmacher und zog ein Paar Stiefel an. Der Schuhmacher,84 als er sah, dass sein Kunde der Schatzmeister war, schenkte85 ihm die Stiefel und ein Paar Strümpfe noch dazu. Auch86 seine Geschäfte liefen schlecht und er hoffte auf eine87 große Bestellung Schuhe für die Damen und Herren am88 Hofe. Der Schatzmeister dankte und ging weiter. Er kam89 zu einer Blumenhändlerin und zog eine rote Rose aus90 einem großen Strauß, die er der Königin von seinem kleinen91 Ausflug mitbringen wollte. Die Blumenverkäuferin, als92 sie sah, dass ihr Kunde der Schatzmeister war, schenkte93 ihm den ganzen Rosenstrauß, denn auch ihre Geschäfte94 liefen schlecht und sie hoffte darauf, als Floristin95 bei Hofe beschäftigt zu werden. Der Schatzmeister dankte96 und ging voll beladen zurück zum Schloss. Die Blumen97 schenkte er der Königin, den Wein und die Schuhe behielt98 er für sich. So ging er nun jeden Tag im Mantel in die99 Stadt und ließ sich von den Menschen beschenken. 100 Und nun sagt mir: Glaubt ihr, dass der Mantel zu Reichtum101 führt?

Ruth Frobeen, Es war einmal neulich … Ruth Frobeen Selbstverlag, Hamburg, 2016, S. 41–45.

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1. Schritt

Merkmale von Märchen in „Der Zaubermantel“

Welche Merkmale eines Märchens weist „Der Zaubermantel“ auf? Wähle aus.

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2. Schritt

Wie könnte das Märchen weitergehen?

Der Schatzmeister nutzt die Hoffnung der Menschen im Königreich aus. Sie schenken ihm Dinge, weil es ihnen schlecht geht und sie hoffen, dass ein Auftrag des Schatzmeisters das ändert. 
Überlege dir ein Ende für das Märchen, in dem das Gute siegt. 

§ Cc4
Auswertung
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Die geraubten Prinzen

von Cornelia Funke

1 Es war einmal eine schreckliche Riesin namens Grauseldis,2 die sammelte schöne Prinzen. Sie raubte sie aus ihren3 Schlössern und grapschte sie von ihren Pferden. Sie4 stopfte sie in ihre riesige Handtasche und schleppte5 sie dann in ihr Schloss, hoch auf dem Gipfel eines Berges. 6 Manche Prinzen schafften sich bissige Hunde an. Einige7 ließen ihr Schloss von hundert Rittern bewachen, andere8 verkleideten sich als arme Bauern, aber Grauseldis schnappte9 sie alle. 10 In ihrem Schloss hatte die Riesin ein Puppenhaus mit11 vielen kleinen Zimmern. Dort steckte sie die Prinzen12 hinein. Die schönsten bekamen die größten Zimmer und13 die klügsten benutzte Grauseldis als Schachfiguren.14 Sie kochte ihnen köstliche Mahlzeiten und spielte ihnen15 auf der Laute vor, aber das Puppenhaus durften sie erst16 wieder verlassen, wenn sie der Riesin nicht mehr gefielen17 ... 18 Jahrelang ging das so. Bis Grauseldis eines Tages19 den schönen Prinzen von Kleinpistazien raubte. Er bewunderte20 sich gerade im Spiegel, als Grauseldis mit ihren Riesenfingern21 durchs Fenster griff und ihn in ihre Handtasche stopfte.22 Seine Mutter, Königin Adelheit, war verzweifelt. Eine23 Million Goldstücke bot sie dem, der ihren Sohn befreien24 würde. Es meldeten sich viele Ritter, aber nicht einer25 kehrte vom Schloss der furchtbaren Riesin zurück. Grauseldis26 warf sie alle in einen dunklen, feuchten Kerker. 27 Königin Adelheits Verzweiflung war grenzenlos und28 tränenreich. Aber eines Morgens wurde ihr wieder ein29 Ritter gemeldet. In roter Rüstung trat er vor ihren30 Thron. „Ich werde euren Sohn befreien“, sagte er, ohne31 seinen Helm zu öffnen. „Aber nur unter einer Bedingung.32 Dass Ihr ihn mir zum Mann gebt.“ „Wie bitte?“, rief33 die Königin. 34 Da nahm der blutrote Ritter seinen Helm ab, und zum35 Vorschein kam eine wunderschöne Frau. „Ich bin die Ritterin36 Frieda Ohnefurcht“, sagte sie. „Unbesiegt in vielen37 Kämpfen. Ich werde Euren Sohn befreien, wenn Ihr mir38 versprecht, was ich verlange.“ „Aber ja!“, rief die39 Königin. „Aber ja doch, alles, was Ihr wollt, meine40 Teure, nur bringt ihn zurück!“ 41 Da schwang sich Frieda Ohnefurcht auf ihr schwarzes42 Pferd. Sie ritt drei Tage und drei Nächte, bis sie zu43 dem Berg kam, auf dem das Schloss der Riesin stand.44 Bleich stand der Mond über den spitzen Türmen. Das Schnarchen45 von Grauseldis war bis zum Fuß des Berges zu hören.46 Schnell wie der Wind ritt Frieda Ohnefurcht zum Schloss47 hinauf. Vor dem Tor sprang ihr knurrend der fünfköpfige48 Wachhund der Riesin entgegen. Aber die rote Ritterin49 knotete ganz einfach seine fünf Hälse zusammen und ließ50 ihn den steilen Berg hinunterrollen. Dann ritt sie in51 den großen Schlosssaal. 52 „Grauseldis!“, rief sie. „Komm her!“ „Wer brüllt so53 frech in meinem Schloss herum?“, knurrte die Riesin.54 Sie rollte aus ihrem Bett und polterte die Treppe hinunter.55 „Rück die Prinzen raus, Grauseldis!“, rief die Ritterin.56 „Oder du wirst die Sonne nicht aufgehen sehen.“ 57 „Hahaaa!“, lachte die Riesin und klatschte in die58 Hände. „Ich glaube, ich werde dich auch behalten. Du59 bringst mich zum Lachen!“ Frieda streifte sich einen60 Handschuh von der Hand. Aus ihrem Ärmel kroch eine kleine61 Spinne. Die Riesin wurde bleicher als der Mond. „Nimm62 sie weg!“, schrie sie und kletterte ängstlich auf einen63 Stuhl. „Nimm sie weg!“ 64 Frieda Ohnefurcht flüsterte der Spinne etwas zu und65 setzte sie zu Boden. Das kleine Tier krabbelte auf die66 Riesin zu. Grauseldis sprang wild von einem Bein aufs67 andere und versuchte, die Spinne zu zertreten. Immer68 wilder stampfte die Riesin. Das Schloss bebte. Alle69 Kronleuchter fielen von der Decke, und die Prinzen im70 Puppenhaus plumpsten aus ihren Betten. 71 Die kleine Spinne krabbelte der Riesin ungerührt auf72 den Fuß und kletterte ihr Bein hinauf. „Aaaah!“, kreischte73 Grauseldis. Und dann passierte es: Stück für Stück erstarrte74 die furchtbare Riesin zu Stein, bis sie grau und reglos75 in der Schlosshalle stand. „Geschafft!“, sagte Frieda76 Ohnefurcht. Sie zog ihren Handschuh wieder an und klemmte77 sich den roten Helm unter den Arm. Dann befreite sie78 die Prinzen aus dem Puppenhaus und die Ritter aus dem79 Kerker. 80 Und den schönen Prinzen von Kleinpistazien? Den hat81 sie doch nicht geheiratet, denn einer der Ritter gefiel82 ihr noch viel besser. Friedas Spinne blieb im Schloss83 und baute sich ein wunderschönes Netz. Direkt hinter84 dem Ohr der versteinerten Grauseldis.

aus: Cornelia Funke. Cornelia Funke erzählt von Bücherfressern, Dachbodengespenstern und anderen Helden. 2004 Loewe Verlag. S. 41-46.

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1. Schritt

Welche Märchenmerkmale weist „Die geraubten Prinzen“ auf?

Welche Merkmale eines Märchens weist „Die geraubten Prinzen“ auf? Wähle aus.

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2. Schritt

Trotzdem modern?

Woran merkt man, dass das Märchen aus unserer Zeit stammt? Überlege, an welcher Stelle du überrascht warst, weil du etwas anderes erwartet hättest. 
Notiere, was das war.

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3. Schritt

Was die Prinzen sagen könnten.

Stelle dir vor, einer der geraubten Prinzen meldet sich bei einem Freund, nachdem er wieder glücklich nach Hause gekehrt ist. Der Prinz erreicht seinen Freund nicht und schickt ihm eine Sprachnachricht, in der er erzählt, wie er die Geschichte erlebt hat. 

Nimm diese Sprachnachricht mit dem Audiorekorder unten auf. 

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Auswertung

Modernisiere ein Märchen

Der Autor Paul Maar hat ein altes Märchen umgedreht. Das zeigt dir schon der Titel „Die Geschichte vom bösen Hänsel, der bösen Gretel und der Hexe“. Lies es und überlege, was er verändert hat. 

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Die Geschichte vom bösen Hänsel, der bösen Gretel und der Hexe

von Paul Maar

1 Es war einmal eine alte Hexe, die hatte ihr ganzes Leben2 lang gearbeitet, hatte gezaubert vom frühen Morgen bis3 zum späten Abend, hatte gehext und Zaubersprüche aufgesagt4 jeden Tag und war nun in das Alter gekommen, wo ihre5 Zauberkraft nachließ und ihre Kräfte langsam schwanden. 6 Sie wurde aber nicht böse und giftig darüber wie manche7 andere Hexen, wenn sie so alt werden, sondern sagte8 sich: „Mit meiner Zauberkraft geht es zu Ende. Da will9 ich mir eine andere Beschäftigung suchen, damit ich10 nicht faulenzen muss und auf trübe Gedanken komme. Ich11 werde mein Haus zum schönsten Hexenhaus weit und breit12 machen!“ 13 Und schon am nächsten Tage begann sie ihr Häuschen14 aufs Wunderlichste zu schmücken. Auf die Dachziegel15 legte sie Lebkuchen, die Wände verkleidete sie mit Brot16 und Kuchen, verziert mit Mandeln und Nüssen, ihre Glasfenster17 hängte sie aus und hängte neue ein, ganz aus weißem18 Zucker. 19 Das dauerte viele Wochen; jeden Tag musste die alte20 Frau in der Küche stehen und backen. Aber sie arbeitete21 unermüdlich und endlich war das Häuschen fertig. 22 Da war die Hexe stolz auf ihr Haus! Jeden Abend saß23 sie auf der Bank neben der Haustür, betrachtete die24 bunten Mauern, hexte mit ihrer versiegenden Zauberkraft25 mühsam noch einen roten Zuckerguss auf einen Kuchen26 oder verzierte einen Lebkuchen mit einer Nuss, wischte27 überall Staub und rieb dann die neuen Zuckerscheiben28 glänzend. Und wenn irgendein Tier an ihrem Haus vorbeikam,29 staunend stehen blieb und schließlich sagte: „So ein30 schönes Haus habe ich noch nie gesehen“, wurde sie grün31 vor Stolz. Eines Tages stand die Hexe gerade vor ihrem32 Backofen und wollte einen Lebkuchen backen, weil der33 Wind in der Nacht einen vom Dach geweht hatte. Da war34 es ihr, als knuspere draußen jemand an ihrem schönen35 Haus und breche ganze Stücke ab. Ängstlich rief sie: 36 „Knusper, knusper, knäuschen – wer knuspert an meinem37 Häuschen?“ 38 Von draußen antwortete ein dünnes Stimmchen: 39 „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind!“ 40 „Da bin ich beruhigt“, seufzte die Hexe erleichtert.41 „Es ist nur der Wind, der da draußen lärmt. Und ich42 hatte schon Angst, jemand wolle mein Häuschen zerstören.“ 43 Wie sie das gerade sagte, zersprang ihre schöne Fensterscheibe,44 an der sie drei Wochen gearbeitet hatte, ein Mädchen45 griff nach den Splittern und aß sie auf! Mühsam humpelte46 die Hexe nach draußen, um zu sehen, wer der Störenfried47 sei. 48 Vor dem Haus standen zwei Kinder, das Mädchen und49 außerdem ein Junge, rissen die Dachziegel herunter,50 um sie aufzuessen, zerbrachen die Wand und zersplitterten51 die weißen Zuckerfenster. Da war die Hexe traurig und52 wütend zugleich. „Wer seid ihr?“, fragte sie. „Und warum53 zerstört ihr mein liebes Haus, an dem ich so lange gebaut54 habe?“ 55 Die Kinder antworteten, sie hießen Hänsel und Gretel56 und hätten aus Hunger von dem Haus gegessen. „Warum57 habt ihr aber gelogen und gesagt, ihr wäret der Wind?“,58 forschte die Alte weiter. „Hättet ihr an meine Tür geklopft59 und um Essen gebeten, so hätte ich es euch nicht verwehrt!“ 60 Da blickten die beiden Kinder beschämt zu Boden. Aber61 weil sie der alten Hexe trotz allem leid taten, sagte62 sie: „Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht63 euch kein Leid!“ Und sie fasste beide an der Hand und64 führte sie in ihr Häuschen. Da ward gutes Essen aufgetragen,65 Milch und Pfannkuchen mit Zucker und Äpfeln und Nüsse.66 Hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt und67 Hänsel und Gretel legten sich hinein und meinten, sie68 wären im Himmel. Als sie so friedlich schliefen, betrachtete69 die Hexe sie und sagte: „Sie waren sehr böse zu mir,70 haben gelogen und mein schönes Häuslein zerstört. Aber71 vielleicht sind sie nicht ganz verderbt. Ich will sie72 dabehalten, ihnen zu essen geben und versuchen, sie73 zu bessern.“ 74 Am nächsten Morgen gab sie den beiden eine leichte75 Arbeit zu tun und rührte dann einen Teig an, denn sie76 wollte den Schaden an ihrem Haus wieder ausbessern.77 Aber Hänsel, der naschhaft war und dem die süßen Lebkuchen78 auf dem Dach besser schienen als das Frühstück auf dem79 Tisch, ging hinaus und begann leise vom Haus zu essen. 80 Als das die Hexe merkte, wurde sie sehr zornig. „Ich81 habe dich nicht bestraft für deine Lügen und die bösen82 Taten von gestern, sondern dir und deiner Schwester83 sogar zu essen und ein Bett zum Schlafen gegeben!“,84 schalt sie. „Und du ungezogenes Kind lohnst es mir,85 indem du den Schaden an meinem Haus noch ärger machst!“ 86 Und zur Strafe und damit er nicht noch mehr Unheil87 anrichten konnte, sperrte sie ihn in einen Stall neben88 dem Haus. Damit er es aber gut hatte in seinem Gefängnis89 und nicht zu hungern brauchte, fragte sie ihn oft durch90 das Gitter: „Bist du auch satt, bekommst du genügend91 zu essen? Streck deinen Finger heraus!“ 92 Hänsel hatte sehr viel zu essen bekommen, aber da93 er sehr gefräßig war, täuschte er die alte Frau, die94 schon nicht mehr richtig sehen konnte, durch eine arge95 List, um noch mehr zu erhalten: Er streckte ein abgenagtes96 Knöchlein durch das Gitter und sagte mit kläglicher97 Stimme: „Meine Schwester gibt mir zu wenig Mahlzeiten,98 ich bin schon ganz mager.“ Die Alte betastete das Knöchlein99 und sagte: „Fürwahr, er ist ganz mager! Gretel, er muss100 mehr zu essen bekommen!“ 101 Die Gretel aber, die ein faules Mädchen war, maulte102 und sagte, sie könne nicht kochen. „Dann musst du eben103 backen!“, rief die Hexe und heizte den Backofen an,104 um für den Hänsel eigens ein großes Brot zu backen.105 Als sie aber das Feuer angeschürt hatte und gerade nachsehen106 wollte, ob recht eingeheizt sei, da gab ihr die arglistige107 Gretel von hinten einen Stoß, dass die Hexe weit hineinfuhr,108 machte die eiserne Tür zu, schob den Riegel vor und109 die arme Alte musste elendig verbrennen. 110 Dann befreite das böse Mädchen ihren Hänsel aus dem111 Stall, wo er seine Strafe absitzen sollte, und sie durchwühlten112 gemeinsam das ganze Hexenhaus. In einer Ecke hatte die113 Hexe eine Kiste mit Perlen und Edelsteinen stehen, die114 ein Erbstück von ihrem Vater war, dem großen Hexenmeister.115 Die raubten die beiden Kinder, stopften sich die Taschen116 voll mit Schmuck und Geschmeide und liefen schnell aus117 dem Wald. 118 „Und weißt du, was sie hinterher den Leuten erzählten?“,119 fragte der Löwe den Hund. „Was denn?“, fragte der mit120 großen Augen. 121 „Sie haben doch wahrhaftig behauptet, die Hexe hätte122 sie aufessen wollen! Diese bösen Kinder!“ „Ich muss123 sagen“, entgegnete der Hund, „ich habe die Geschichte124 nicht so erzählt bekommen. Da hörte sich alles ganz125 anders an, obwohl eigentlich das Gleiche geschah!“ 126 „Aha!“, macht der Löwe. „Da sieht man es wieder: Die127 Leute glauben viel lieber die Unwahrheit als die Wahrheit128 und erzählen dann ohne schlechtes Gewissen die Lügengeschichten129 weiter! Denn die Geschichte hat sich so zugetragen,130 wie ich sie dir mitgeteilt habe, das weiß ich von jener131 Hexe, die sie mir anvertraut hat.“ 

aus: Paul Maar. Der tätowierte Hund. Rowohlt Taschenbuch Verlag Hamburg 2022. S. 29 - 36.

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Welche Märchen könntet ihr verändern?


Überlegt in Teams, welche Märchen ihr verdrehen könntet. Was daran wäre dann modern?
Findet Überschriften für eure Märchen und notiert sie hier. 

Sind Märchen heute noch von Bedeutung?

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Urheber: Von IZI TelevIZIon - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0,

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PDBYSA

Maya Götz ist Medienwissenschaftlerin und leitet das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen. Sie forscht also über Sendungen für Kinder und Jugendliche. Dazu gehören auch Märchen, über die sie im Interview erzählt.

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Nach dem ersten Anhören

Was hast du in diesem Interview erfahren? 
Notiere aus dem Gedächtnis Stichpunkte. 

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1. Schritt

Nun kannst du dein Verständnis vertiefen. 

Hier kannst du noch einmal das Interview mit Maya Götz hören. Löse alle Aufgaben, die im Video vorkommen. 

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Auswertung
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Im Interview wurde das Prinzessinnenmotiv in Bezug auf Mädchen besprochen. Aber wie ist das mit den Jungen? Findet ihr auch hier Motive, die den Jungen sagen, wie sie sein sollen?

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